Montag, 17. Oktober 2016
2. Davon, dass der Alltag ein Arschloch ist
Ich erwachte um drei Uhr morgens, weil mir der Alkohol fehlte. Hatte also nichts getrunken bevor ich eingeschlafen war- die Nacht war unruhig gewesen. Mein Körper und vielleicht auch mein Geist, waren vielleicht abhängig geworden. Aber nur vielleicht. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung wie abhängig ich war. Es war nicht die Art von Abhängigkeit von der geredet wurde. Es war anders- es war nicht so schlimm. Vielleicht aber war es schlimm und ich wollte mir damals nicht einmal eingestehen, dass ich überhaupt in irgendeiner Weise abhängig war. Drei Uhr morgens, ich trank ein paar Schlucke Billigwein aus dem Tetrapack, dann legte ich mich wieder auf mein kleines Bett und versuchte weiter zu schlafen. Aber ich konnte nicht mehr schlafen. Ich dachte nach. Natürlich nicht über mich selbst, warum auch? Ich wollte das Mädchen wieder sehen. Ich wollte wissen, ob sie schon einen Plan hatte. Ein Verantwortungsgefühl und eine Stimme sprachen in mir: „Hilf ihr!“, aber ich hatte ja nicht einmal einen Plan wie ich mir selber helfen konnte. Nach ein paar Stunden beschloss ich, sie einfach wieder in der Lokalbahn zur selben Zeit zu treffen. Zuerst musste ich aber in die Arbeit. Ich arbeitete als Köchin in einem kleinen, etwas verlassen aussehenden Hotel am Stadtrand. Die Zeit rannte und ich war ihr zum Opfer gefallen. Schnell packte ich mir einen Kornspitz und einen kleinen verpackten Käse in ein Plasticksackerl, schwang mir meine Handtasche mit Geld und Mobiltelefon darin um die Schulter und lief die steile Treppe hinunter, riss meine dunkelblaue Regenjacke vom Kleiderständer, zog mir meine etwas
kaputten Turnschuhe an und lief, vielleicht sogar doch leicht humpelnd, zur Tür hinaus. Als die Tür ins Schloss fiel, kontrollierte ich noch einmal, ob ich den Hausschlüssel dabei hatte. Ich hörte den Schlüsselbund in meiner Jackentasche- alles gut soweit. Ich rannte durch die Maisfelder und den kleinen Wald. Wenn es etwas gab, was mich alte Frau fit hielt, dann genau dieses Gerenne in der Früh, auf das ich ehrlich gesagt gerne verzichtet hätte. …eigentlich hätte ich froh sein können, dass ich überhaupt noch mit fast siebzig Jahren noch relativ gut rennen konnte, aber dankbar für etwas zu sein war nicht immer einfach, wenn man sich keine Zeit dafür nahm.
Ich erwischte den Zug gerade noch. Verschwitzt kam ich in der Hotelküche an, in der ich von den wenigen Mitarbeitern geekelt und vorwurfsvoll angesehen wurde. Vielleicht war auch ein Hauch Mitleid dabei. Ich wusste in dem Moment ehrlich gesagt nicht ob ich das Mitleid hasste oder vielleicht doch ein klein wenig genoss bzw. brauchte, um nicht völlig die Nerven zu verlieren. Es war irgendetwas dazwischen. Der Tag war anstrengend und ich kochte, aber ich kochte eben nur. Die Zeit ging so langsam vorbei wie noch nie und ich verstand wirklich nicht warum sie mir das antun musste. Wieso war eine Minute nur so langsam, wenn ich sie mit meinen Mitarbeitern verbringen musste und warum würde sie später mit dem Mädchen wieder so schnell vergehen? Ja ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass die Zeit im Zug mit dem Mädchen wie im Flug vergehen würde und das tat sie dann auch. Als der Arbeitstag für mich endlich zu Ende war, machte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Dort würde mich der Bus, der wie immer zu spät kommen würde, noch um genau zwei Minuten rechtzeitig am Hauptbahnhof absetzen, damit ich dort die Rolltreppen halb stolpernd, halb rennend hinunter würde, um die Lokalbahn noch zu erwischen. So war das zumindest meistens so. Nur, dass diesmal der Bus, um achtzehnuhrzehn gar nicht kam, ich also den nächsten um zwanzig nach nehmen musste, den Zug deswegen sowieso nicht erwischen würde und somit auch nicht die Rolltreppe hinunterlaufen musste, sondern mich von ihr nur fahren lassen konnte. Wenigstens eine positive Sache. Ich atmete tief ein und dann aus. Es war eigentlich ein Seufzer. Der Alltag war ein Arschloch. Ich belächelte Menschen, die immer über die Zeit schimpften. Die Zeit konnte man sich nehmen und einteilen. Den Alltag aber konnte man nicht bändigen. Er kam wie er kommen wollte. Genau das war Alltag: Ein Plan mit tausend, kleinen Dingen darin, die ihn zunichtemachten. Es kam immer anders. Und da ich so blöd war und jedes Mal Pläne machte, machte genau das meinen Alltag aus, nämlich, dass alle Tage dieser Plan irgendwie durchkreuzt wurde. Als ich die Lage schlussendlich akzeptiert hatte, setzte ich mich, als ich am Hauptbahnhof angekommen war, auf einen dieser korbähnlichen, kalten Eisensessel und fing an die Tauben und vorübergehenden Menschen zu beobachten. Plötzlich sprach mich jemand von der Seite an und die Stimme kam mir sehr bekannt vor: „Grüß Gott, sie sind doch die Dame, mit der ich im Zug geredet habe. Würde es sie stören, wenn ich mich zu ihnen setze?“. Das Mädchen mit den schönen Augen setzte sich rechts neben mich. „Hast du den Zug auch verpasst Kleines?“ fragte ich sie. Das Mädchen nickte. „Immer diese Busse mit den Verspätungen, sodass man die Lokalbahn um ein paar blöde Minuten verpasst“ „Gott sei Dank“ sagte sie. Daraufhin schwieg ich erst einmal.



Mittwoch, 12. Oktober 2016
1.Von der ersten Begegnung mit dem Mädchen
Da saß sie wieder. Das Mädchen - eigentlich schon fast eine junge Frau, mit ihren grünen Augen, der schneeweißen Haut, den vereinzelten Sommersprossen über ihrem Gesicht und den dicken, schwarzen, meist zu zwei Zöpfen geflochtenen Haaren. Wie gewohnt am selben Platz in der Lokalbahn- letzter Platz des Viererplatzes ganz hinten rechts. Aus irgendeinem Grund fand ich sie interessant. Vielleicht lag es an ihrer natürlichen Schönheit oder an ihrer zarten Gestalt, die meistens in dicke Pullover oder Jacken gehüllt war. Vielleicht aber lag es auch an ihrer stillen, nachdenklichen und konzentrierten Erscheinung. Wenn andere den Bummelzug betraten, dann taten sie dies meistens so, dass die meisten Insassen aufschauten. Bei dem Mädchen war es anders. Sie fiel mir eigentlich nur auf, weil sie eben nichts tat was auffiel. Oft hörte sie auf ihrem alten IPod Musik oder kritzelte irgendwelche Sachen in ihr wunderschönes Notizbuch. Ich saß auf dem nächsten Viererplatz ganz hinten schräg gegenüber von ihr am Fenster.
Ich selbst war eine alte Frau mit grauem, gelocktem Haar und müden blauen Augen. Eine alte Frau, die so ziemlich nichts Besonderes aus ihrem Leben gemacht hatte. Das lag an meiner Sucht nach dem Alkohol und an meiner Angst. Die Angst davor zu verlieren. (sie hat sich selbst verloren was der größte verlust ist) Ich hatte Grund dazu Angst zu haben, denn ich hatte in meinem Leben so vieles verloren, was mich glücklich gemacht hatte. Meine Familie, all meine Freunde, meinen Glauben, meine Hoffnungen, meine Jugend, meinen gesunden und schönen Körper, meine schöne Stimme…
Ich war unglücklich, aber ich hatte mich damit abgefunden, denn ich war zu alt um in meinem Leben etwas zu ändern oder mich noch mehr damit auseinanderzusetzen. Das war übrigens auch der Grund, warum ich mich umso mehr für andere Personen interessierte. Ich achtete sehr auf andere. Ihre Art zu gehen, ihr Kleidungsstil, ihr Make-up, ihre Stimmen, ihre Gespräche, ja ihre Art zu reden…es interessierte mich. Es war auch interessant: die Vielfalt in der Welt. Wie unterschiedlich doch alle waren. (und doch haben alleetwas gemeinsam: den wunsch etwas zu ändern- die welt zu verbessern, etwas besonderes zu sein).
Es rang in mir „Sprich sie an“ und die andere Stimme: „lass es lieber“ und plötzlich sah das Mädchen mich an. Ihre grünen Augen schienen mich zu durchdringen. Zu lange also hatte ich sie schon angesehen und mich dabei in Gedanken verloren. „Sag mal,…“ stieß es aus mir hervor und ich fuhr fort „du kommst grad von der Schule oder?“ Das Mädchen lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich war nur grad eben in der Stadt die Schule hab ich vor drei Monaten endlich beendet“ sagte sie. „Und jetzt war ich in der Stadt. Ich war auf der Suche nach etwas, aber konnte es nicht finden“ erzählte sie. „Oh, wonach hast du denn gesucht?“. Stille. Sie wendete sich ihrem Notizbuch zu und antwortete fast so als würde sie sich ihrer Worte schämen, „nach einer Zukunft“.
Nach einer Zukunft. Sie kritzelte die drei Worte in ihr schönes Notizbuch. Dafür verwendete sie eine Extraseite. Entweder die Worte waren so wichtig, dass sie eine ganze Seite wert waren oder ich durfte die letzten Worte in ihrem Notizbuch auf keinen Fall sehen.
„Hast du denn keine Zukunft?“ fragte ich sie weiter, denn ich verstand nicht ganz was sie meinte. Ich konnte nicht verstehen, dass eine so hübsche, junge und vor allem nachdenkliche Person keine Zukunft haben konnte. Das Mädchen klappte ihr Notizbuch zusammen und steckte es mitsamt ihrer Füllfeder in ihren Rucksack. Dann stand sie auf und setzte sich mir gegenüber auf die andere Seite,
sah mir in die Augen, dann aus dem Fenster, sie begann zu sprechen. Leider erinnere ich mich nicht eins zu eins an ihre Worte, aber trotzdem noch erstaunlich gut: „Ich glaube, jeder hat eine Zukunft, aber meine sollte etwas Besonderes sein verstehen sie?“ Ich nickte „Und ich suche schon so lange nach ihr und ich finde nichts, nichts was zu mir passt, nichts was aus mir einmal die machen könnte, die ich sein möchte. Wissen sie, ich möchte irgendwie die Welt retten“. Ich lächelte, dann richtete das Mädchen ihren Blick vom Fenster wieder auf mich und lachte ein wenig verschämt.
Ja, ich verstand was sie sagte. Fast zu gut und doch ein Gefühl von Hilflosigkeit. Hilflosigkeit auf beiden Seiten. Wie gerne hätte ich ihr geholfen, ihr Ratschläge gegeben oder faszinierende Erfahrungen mit ihr geteilt, doch vor ihr saß eine alte Frau, die selbst nicht wusste was aus ihrer Zukunft geworden war und allein, dass ich an die Zukunft in der Vergangenheit dachte war schon ziemlich dumm. Meine Haltestelle nahte, ich stand auf, um den Halteknopf zu drücken. Dann ging ich wieder zurück zu unserem Platz und verabschiedete mich von dem Mädchen. „Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder“ rief das Mädchen mir noch so leise wie möglich nach. Als ich ausstieg sah ich noch einmal zurück und nickte ihr lächelnd zu. Das war sie also gewesen. Die erste Begegnung zwischen mir und dem Mädchen, die nach einer Zukunft suchte, nach einer Zukunft, die besonders sein sollte. Dass ihre Zukunft besser als meine sein sollte, konnte ich verstehen und schon wieder erwischte ich mich dabei über die Zukunft in der Vergangenheit nachzudenken. Den ganzen Heimweg lang durch den kleinen Wald und die zwei großen Maisfelder dachte ich über dieses Gespräch nach. Ich hatte ein eigenartiges Gefühl und kann es bis heute noch nicht beschreiben. Vielleicht war ich verliebt. Verliebt in die Idee einer Zukunft. Die Idee von jemandem, der die Welt retten konnte. Ja was, wenn nur jemand, der eben anders als die anderen war, Veränderung in die Welt bringen konnte. Und was musste man überhaupt tun um die Welt zu retten? Und als ich so an die großen Dinge dachte, die man tun könnte, merkte ich, wie klein ich doch war. Ich kleine, alte Frau zwischen den riesengroßen Maisfeldern, die doch auch nur ein winziger Punkt – ja nicht einmal ein Punkt, auf der großen Weltkarte waren. Vor allem aber dachte ich daran, dass ich nur eine unter sehr, sehr, sehr vielen Menschen war, die gerade in diesem Augenblick Zeit hatte an so etwas Schönes und Großes zu denken. Deswegen verwarf ich den Gedanken an die Rettung der Welt nach ein paar Stunden zuhause, saß mich auf mein ungemachtes Bett und schloss die Augen.
____________________________________________
Wie findet ihr die Geschichte bis jetzt?
Gut- du willst wissen wie es weiter geht
nicht so gut---> das schreit nach einem kommentar - bin gespannt

  Ergebnis anzeigen

Erstellt von nivesgirl97 am 2016.10.15, 04:01.