2. Davon, dass der Alltag ein Arschloch ist
Ich erwachte um drei Uhr morgens, weil mir der Alkohol fehlte. Hatte also nichts getrunken bevor ich eingeschlafen war- die Nacht war unruhig gewesen. Mein Körper und vielleicht auch mein Geist, waren vielleicht abhängig geworden. Aber nur vielleicht. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung wie abhängig ich war. Es war nicht die Art von Abhängigkeit von der geredet wurde. Es war anders- es war nicht so schlimm. Vielleicht aber war es schlimm und ich wollte mir damals nicht einmal eingestehen, dass ich überhaupt in irgendeiner Weise abhängig war. Drei Uhr morgens, ich trank ein paar Schlucke Billigwein aus dem Tetrapack, dann legte ich mich wieder auf mein kleines Bett und versuchte weiter zu schlafen. Aber ich konnte nicht mehr schlafen. Ich dachte nach. Natürlich nicht über mich selbst, warum auch? Ich wollte das Mädchen wieder sehen. Ich wollte wissen, ob sie schon einen Plan hatte. Ein Verantwortungsgefühl und eine Stimme sprachen in mir: „Hilf ihr!“, aber ich hatte ja nicht einmal einen Plan wie ich mir selber helfen konnte. Nach ein paar Stunden beschloss ich, sie einfach wieder in der Lokalbahn zur selben Zeit zu treffen. Zuerst musste ich aber in die Arbeit. Ich arbeitete als Köchin in einem kleinen, etwas verlassen aussehenden Hotel am Stadtrand. Die Zeit rannte und ich war ihr zum Opfer gefallen. Schnell packte ich mir einen Kornspitz und einen kleinen verpackten Käse in ein Plasticksackerl, schwang mir meine Handtasche mit Geld und Mobiltelefon darin um die Schulter und lief die steile Treppe hinunter, riss meine dunkelblaue Regenjacke vom Kleiderständer, zog mir meine etwas
kaputten Turnschuhe an und lief, vielleicht sogar doch leicht humpelnd, zur Tür hinaus. Als die Tür ins Schloss fiel, kontrollierte ich noch einmal, ob ich den Hausschlüssel dabei hatte. Ich hörte den Schlüsselbund in meiner Jackentasche- alles gut soweit. Ich rannte durch die Maisfelder und den kleinen Wald. Wenn es etwas gab, was mich alte Frau fit hielt, dann genau dieses Gerenne in der Früh, auf das ich ehrlich gesagt gerne verzichtet hätte. …eigentlich hätte ich froh sein können, dass ich überhaupt noch mit fast siebzig Jahren noch relativ gut rennen konnte, aber dankbar für etwas zu sein war nicht immer einfach, wenn man sich keine Zeit dafür nahm.
Ich erwischte den Zug gerade noch. Verschwitzt kam ich in der Hotelküche an, in der ich von den wenigen Mitarbeitern geekelt und vorwurfsvoll angesehen wurde. Vielleicht war auch ein Hauch Mitleid dabei. Ich wusste in dem Moment ehrlich gesagt nicht ob ich das Mitleid hasste oder vielleicht doch ein klein wenig genoss bzw. brauchte, um nicht völlig die Nerven zu verlieren. Es war irgendetwas dazwischen. Der Tag war anstrengend und ich kochte, aber ich kochte eben nur. Die Zeit ging so langsam vorbei wie noch nie und ich verstand wirklich nicht warum sie mir das antun musste. Wieso war eine Minute nur so langsam, wenn ich sie mit meinen Mitarbeitern verbringen musste und warum würde sie später mit dem Mädchen wieder so schnell vergehen? Ja ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass die Zeit im Zug mit dem Mädchen wie im Flug vergehen würde und das tat sie dann auch. Als der Arbeitstag für mich endlich zu Ende war, machte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Dort würde mich der Bus, der wie immer zu spät kommen würde, noch um genau zwei Minuten rechtzeitig am Hauptbahnhof absetzen, damit ich dort die Rolltreppen halb stolpernd, halb rennend hinunter würde, um die Lokalbahn noch zu erwischen. So war das zumindest meistens so. Nur, dass diesmal der Bus, um achtzehnuhrzehn gar nicht kam, ich also den nächsten um zwanzig nach nehmen musste, den Zug deswegen sowieso nicht erwischen würde und somit auch nicht die Rolltreppe hinunterlaufen musste, sondern mich von ihr nur fahren lassen konnte. Wenigstens eine positive Sache. Ich atmete tief ein und dann aus. Es war eigentlich ein Seufzer. Der Alltag war ein Arschloch. Ich belächelte Menschen, die immer über die Zeit schimpften. Die Zeit konnte man sich nehmen und einteilen. Den Alltag aber konnte man nicht bändigen. Er kam wie er kommen wollte. Genau das war Alltag: Ein Plan mit tausend, kleinen Dingen darin, die ihn zunichtemachten. Es kam immer anders. Und da ich so blöd war und jedes Mal Pläne machte, machte genau das meinen Alltag aus, nämlich, dass alle Tage dieser Plan irgendwie durchkreuzt wurde. Als ich die Lage schlussendlich akzeptiert hatte, setzte ich mich, als ich am Hauptbahnhof angekommen war, auf einen dieser korbähnlichen, kalten Eisensessel und fing an die Tauben und vorübergehenden Menschen zu beobachten. Plötzlich sprach mich jemand von der Seite an und die Stimme kam mir sehr bekannt vor: „Grüß Gott, sie sind doch die Dame, mit der ich im Zug geredet habe. Würde es sie stören, wenn ich mich zu ihnen setze?“. Das Mädchen mit den schönen Augen setzte sich rechts neben mich. „Hast du den Zug auch verpasst Kleines?“ fragte ich sie. Das Mädchen nickte. „Immer diese Busse mit den Verspätungen, sodass man die Lokalbahn um ein paar blöde Minuten verpasst“ „Gott sei Dank“ sagte sie. Daraufhin schwieg ich erst einmal.